Individuelles Lesen und Schreiben lernen - Lernwortarbeit in der 1. Klasse

 

Obwohl die meisten Kinder am Schulanfang nicht schreiben können, ist es möglich ihnen das Gefühl zu geben sie könnten es, denn das ist es, worauf sie sich freuen:

 

ENDLICH EIN ECHTES SCHULKIND ZU SEIN, DAS SCHREIBT.

 

Daher warte ich nicht lange damit und starte bereits in der zweiten Schulwoche mit dem ersten Lernwort, nämlich dem Wort ich und versuche diese Freude auf das Schreiben so lange wie möglich zu erhalten.

 

Ich greife bei der Lernworterarbeitung das Modell von Marlene Walter auf, der Autorin von "Lebendige Sprache lehren". (*unbezahlte Werbung, persönliche Empfehlung) Das ist für mich ein Pflichtwerk für alle Junglehrerinnen und -lehrer. In diesem Buch findet ihr eine genaue Beschreibung des ganzen Prozesses. Ich werde euch hier kurz erläutern, wie der Ablauf in meiner Klasse stattfindet. 

 

Die Kinder erarbeiten von Anfang an je ein Lernwort pro Woche. Welches Lernwort das ist, ist nicht fix vorgegeben, jedoch beginne ich immer - wie schon oben geschrieben - mit ich. Ein Kind, das in die Schule kommt ist ja in diesem Alter noch sehr Ich-bezogen. Es muss zuerst lernen ein Teil einer großen Gemeinschaft zu sein. Das Lernwort geht also vom Kind aus - was übrigens alle weiteren Lernwörter auch sollten, sodass die Schülerin bzw. der Schüler einen persönlichen Zugang dazu hat.

 

Das Wort wird ganzheitlich gelesen und gespeichert, unabhängig davon, ob die einzelnen Buchstaben bereits erarbeitet wurden. Wenn dann später ein Buchstabe in seiner gesamten Lautschulung erarbeitet wird, kann man ja auf das Lernwort zurückgreifen und das mit den Schülerinnen und Schülern besprechen. Sie freuen sich dann immer, dass sie diesen Buchstaben bereits "können".

 

Ich biete das Lernwort Ich großgeschrieben an, weil die Kinder meistens in ihren Sätzen das Wort an die erste Stelle setzen. Diese detaillierten Überlegungen bleiben aber der Lehrperson überlassen, sowie, wie sie das Lernwort einführen möchte. Auf jeden Fall sollte es die Kinder anregen darüber schreiben zu wollen. Das Ziel ist es daher nicht, dass die Schülerinnen und Schüler gleich zu Schulbeginn mit Klein- und Großschreibung konfrontiert werden oder irgendwelchen orthografischen Phänomenen. Es geht darum, das kreative Schreiben anzuregen und den Kindern die Möglichkeit zu geben produktiv zu sein, so gut sie es in dem Moment können - daher spricht man vom individuellen Lesen und Schreiben lernen.

 

Die Lernwörter habe ich so gestaltet, sodass jeder Buchstabe in einem eigenen Kästchen ist. Unter der Downloadpalme findet ihr mögliche Lernwörter, die ihr gleich verwenden könnt.

 

Passend zu der Lernworterarbeitung habe ich ein Lernwortplakat gemacht, das die einzelnen Schritte der Erarbeitung darstellen soll. Mithilfe dieses Plakates wird jedes Lernwort erarbeitet. Zu Beginn machen wir das alle gemeinsam. Mit der Zeit können die Kinder auch individuell arbeiten, weil der Vorgang immer der gleiche bleibt. Somit bietet diese Art der Lernworterarbeitung eine individuelle Arbeit des Kindes. Es kann dabei seine sprachlichen, aber auch seine personalen und sozialen Kompetenzen im eigenen Tempo weiterentwickeln.

  

 

Zum Buch "Sprache lebendig lehren" gibt es weiters auch eine Kartei "Für alle gleich - für jeden anders - Erste Texte" (*unbezahlte Werbung, persönliche Empfehlung),  die ich sehr gerne verwende. Hier findet ihr verschiedene Anlässe zum Schreiben, aber auch bereits fertige Lernwortkopiervorlagen. Ich habe meine eigenen gestaltet, weil es für mich einfacher zum Kopieren ist, zum anderen wollte ich, dass die die Buchstaben in Rahmenform dargestellt sind, damit das Nachziehen genauer wird. Von den Ideen für die Erarbeitung lasse ich mich aber gerne inspirieren. Diese Kartei habe ich immer gerne in Reichweite meines Tisches, sodass ich schnell darauf zugreifen kann. TIPP: Das Buch als auch die Karte können über die Schulbuchbestellung bestellt werden! (Ö!)

 

So nun zum Plakat und den einzelnen Schritten:

 

Links untereinander seht ihr die einzelnen Schritte als Würfelsymbol dargestellt, rechts die Grafiken zu den Schritten, die ich selbst gezeichnet habe. Ich weiß, sie sind nicht sehr professionell, aber manchmal ist simple oft besser :-)

 

  1. Schritt: Lesen (ganzheitlich), aussprechen, mit Finger nachziehen (Pfeile helfen die Schreibrichtung einzuhalten. Diese zeichne vor dem Kopieren selbst ein).
  2. Im Handspiegel (oder Taschenspiegel - bewahren wir im blauen Töpfchen, das auf dem Tisch steht, auf) die eigenen Lippen beim Vorsprechen des Lernwortes beobachten, Hand auf den Kehlkopf sanft legen und die Vibration spüren, genau hinhören.
  3. Das Lernwort in Regenbogenfarben nachziehen: Gelb, Orange, Rot, Grün, Blau (Schreibrichtung einhalten, immer wieder daran erinnern!)
  4. Lernwort zerschneiden. Die gestrichelten Linien zeigen, wo das Kind schneiden muss.
  5. Lernwort umdrehen und mischen. Hier gebe ich ihnen immer ein paar Anweisungen, z.B. "Auf 1, 2, 3 Lernwort umdrehen und richtig legen." oder später auch nur Teile eines Wortes, z.B. beim Lernwort Frühling, "lege nur Frühl", usw. Dies kann mehrmals wiederholt werden, sodass alle Kinder schnell das Lernwort richtig legen können.
  6. Wir verwenden für Kreatives Schreiben in der 1. Klasse ein glattes A4 Heft. Hier brauchen die Kinder keine lästigen Linien einhalten und haben genug Platz, auch wenn sie groß schreiben. Es macht mir auch nichts, wenn die Sätze nicht gerade sind. Wichtig ist es mir nur, dass die Kinder gerne schreiben! Und das tun sie!!!! Oft halten das aber Eltern nicht aus und besorgen einen Linienspiegel - ist aber, meiner Meinung nach, nicht sinnvoll. Es gibt andere Hefte, die wir verwenden, wo sie den Ordnungsrahmen einhalten müssen.
  7. Nachdem sie also das Lernwort richtig gelegt haben (ich gehe durch und kontrolliere), kleben sie es oben auf die A4 Seite auf, sodass sie das restliche Blatt zum Schreiben bzw. zeichnen haben.

Es ergeben sich je nach Schreibanlass dann Sätze wie:

 

Ich mag Sonnenblumen.

Ich will ein Eis haben.

Ich will einen Lolli haben.

Ich schreibe.

Ich bin sieben Jahre alt.

Ich sonne mich.

Ich bekomme von meiner Mama jeden Morgen die Jause und die Trinkflasche eingepackt.

 

Das Ich wird ausgeschrieben und der Rest gezeichnet - am Anfang. Das Symbol Herz bedeutet, dass man etwas mag/liebt. Solche Zeichen macht man sich mit den Kindern aus. Ein durchgestrichenes Herz könnte heißen, dass man etwas nicht gern mag, usw. Mit der Zeit erarbeiten wir immer mehr Lernwörter, sodass die Schülerinnen und Schüler bald mehr schreiben können. 

 

Die obigen Sätze habe ich mir nicht ausgedacht, sondern die Kinder lesen ihre Sätze selbst vor. Diese kurzen Sätze bzw. Zeichnungen sind eigentlich ganze Geschichten. Faszinierend oder? So haben die Kinder auch das Gefühl, sie lesen bereits, was ja auch stimmt, denn Symbole entziffern und deuten ist auch eine Art Lesen und ich finde, das Geschriebene passt sehr genau zum Gesprochenen.

 

Die Kinder lesen auch gerne ihre Geschichten den Eltern vor. Abgesehen von der Symboldeutung, wird auch das logisches Denken gefördert und die Kinder denken mit, was sie überhaupt geschrieben haben. All diese Dinge werden trainiert. Und was das für ein stolzer Moment sein muss, wenn die Schülerinnen und Schüler ihre ersten Schulgeschichten den Eltern vorlesen dürfen :-)

 

 

Hier ein Beispiel nach circa einem halben Jahr Arbeiten mit dem Lernwortplakat.

 

Das nächste Lernwort wähle ich danach aus, dass es zum vorigen bzw. zu den vorigen Lernwörtern passt, damit langsam aber sicher komplette Sätze entstehen. Ein passendes Lernwort nach dem Ich wäre beispielsweise kann -> Ich kann... . oder mag -> Ich mag... . oder will -> Ich will... .

 

Es kann auch sein, dass ich ein Wort auf zwei Varianten anbiete oder gleich zwei ähnliche Lernwörter, indem ich einen Buchstaben über einen anderen mit Klebesreifen fixiere, z.B. Oma/Opa: Hier kleibe ich das p über das m und die Kinder können es öffnen und wieder zudecken und haben gleich zwei Wörter, die sie verwenden können.

 

Ein großes Thema sind auch die Fehler und ob sie verbessert werden sollen oder nicht. In den Kreativheften - bei uns haben sie den Namen Schatzhefte, versuche ich so wenig wie möglich einzugreifen. Roter Stift ist auf jeden Fall tabu, durchstreichen, unterstreichen, einen Kommentar bezogen auf die Fehler auch! Während des Arbeitsprozesses gehe ich durch, schreibe den Kindern falsche Wörter auf ein Post-It oder weise sie darauf hin, lobe sehr viel, wo es nur geht! Die Kinder sollen motiviert werden, es soll Spaß machen! Es gibt genug andere Hefte, in denen der Fokus auch auf der Rechtschreibung ist.

 

Das Lernwort selbst muss schon richtig geschrieben werden, alle anderen Wörter dürfen manchmal auch so stehen bleiben wie sie geschrieben wurden, zum Beispiel, wenn wir dieses Phänomen noch nie angesprochen haben (ß, ie, usw.). Das heißt, Mut zur Lücke, obwohl das oft sehr schwierig für uns LehrerInnen ist. 

  

Zur Vorbereitung der Lernwörter: Ich bereite immer die Lernwörter selbst vor. Das bedeutet, ich drucke sie aus und schneide sie als einen Streifen aus, klebe, wenn notwendig mit einem Klebestreifen einen zusätzlichen Buchstaben dazu, sodass die Kinder beispielsweise - wie oben beschrieben - zwei Wörter haben -> mein/dein (das d kommt über das m, usw.) Die einzelnen Buchstaben schneiden die Kinder dann selbst aus (Schritt 4 am Lernwortplakat!), wobei der Klebestreifen nicht durchgeschnitten wird. Da bleiben diese beiden Buchstaben zusammen. Die Pfeile für die Schreibrichtung zeichne ich vor dem Kopieren ein.

 

Gut, nun glaube ich oder hoffe ich, dass ihr einen Überblick bekommen habt, wie wir das schöne Thema angehen. Es macht einen Riesenspaß und ich liebe diesen Teil des Deutschunterrichts in der ersten Klasse. Für weitere Details und falls für euch dieses Thema ganz neu ist, empfehle ich wirklich das oben erwähnte Buch. 

 

Solltet ihr Fragen haben, einfach eine E-Mail schreiben oder auf Instagram eine Nachricht hinterlassen. Freue mich auf euer Feedback.

 

Unter der Downloadpalme findet ihr nun:

 

  • die Lernwörter zum Ausschneiden (wie gesagt, die Reihenfolge entscheidet ihr selbst, nicht jede Klasse ist gleich und braucht gleiche Wörter. Spürt und werdet hellhörig, was die Kinder interessiert. So erreicht man sie am besten und ihr werdet staunen, was da für Texte herauskommen werden.)
  • die Grafiken zum Ausdrucken, mit denen ihr euer eigenes Lernwortplakat basteln könnt.

 

Ich wünsche allen Erstklassenlehrerinnen und -lehrern einen guten Start, aber zuvor noch schöne, erholsame Ferien!

 

 

 

Liebe Grüße, schulinsel

Kontakt

Für Fragen, Anregungen oder um einfach Hallo zu sagen, sende eine E-Mail an:

schulinsel@hotmail.com


 

Kategorien

  • Einblick in die Unterrichtspraxis
  • Ideen, Anregungen und Material für den Unterricht in der Grundschule
  • Bastelvorlagen für diverse Anlässe
  • Schilder und Etiketten für die Klassenorganisation
  • und vieles mehr aus dem Schulleben